Emil
Gelegentlich treffe ich morgens in der U-Bahn eine Frau, ich würde schätzen so Mitte 50. Von ihrem Aussehen her würde man sie für ein bisschen eigenartig halten. Wahrscheinlich ist sie das auch, wenn auch im positiven Sinne. Enge, meistens bute Jeans, schwarze Lederjacke, grundsätzlich Sonnenbrille und kurze struppige Haare mit wechselnden Farben. Normalerweise tut man solche Personen gerne als sonderbar ab, aber bei ihr freue mich jedes Mal, wenn ich sie sehe. Ich kenne sie nicht, wir haben noch nie ein Wort miteinander gewechselt und werden das wahrscheinlich auch nie tun, aber trotzdem kann sie mir ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Der Grund ist Emil. Ein wunderschöner, wahrscheinlich reinrassiger, Schäferhund. Kein zotteliges Vieh, wie man vielleicht erwarten würde. Herrlich weiches, glänzendes Fell und eine super Statur. Man würde der Dame niemals zumuten, dass sie für so ein Tier sorgen kann. Am schönsten ist aber der Umgang der Dame mit Emil. Sie unterhält sich mit ihm, redet wie mit einer realen Person mit ihm, nicht wie von Herrchen zu Tierchen. “Komm Emil, setzt dich hin, sonst fällst du um.” “Wo hast du denn dein Schweinchen gelassen, Emil?” Das “Schweinchen” ist eine Art Hundeknochen aus Gummi in Form eines rosa Schweins. Scheinbar Emils Lieblingsstück, denn ohne das geht es niergendwo hin. “Emil, nimm dein Schweinchen und dann steigen wir aus.” Emil hebt darauf hin das Schweinchen auf und sie verlassen die U-Bahn. Wir teilen nicht viel mehr als diese 10 Minuten Fahrt, aber das reicht um mir einem schönen Tag zu bescheren.
Einen genauso herrlichen Start in die Woche, und einen Emil, wünsche ich euch auch.
Mir wurde erst Vorgestern die Geschichte eines Mannes erzählt, welcher “mit” seinem Hund über Politik geschimpft hat. Aber diese Geschichte hier mit Frau und Emil ist schon fast rührend. Und das “fast” kannst du getrost streichen.