QuickScience: Kuhle Zellen

Es ging ja gestern durch so ungefähr alle Nachrichten: An der Universität Newcastle haben Wissenschaftler eine Chimäre aus einer Kuheinzelle und menschlicher DNA geschaffen.

Ich habe ein bisschen überlegen müssen, ob ich wirklich kurz was darüber schreiben soll, denn die Meldungen sind doch verwirrend. Die meisten deutschen Medien berichten von einer Chimäre, die aus einer Einzelle einer Kuh und menschlichen Hautzellen geschaffen wurde. Liest man aber die Pressemeldung der Uni, so steht dort

they have created human embryos from “banked” cells - derived from a human embryonic stem cell line from Newcastle (Ncl-1) - and a cow egg.

Nix mit Hautzellen. Aber nun denkt mal zwei Sekunden darüber nach ………. auch diese Medlung ist unsinnig. Es sind nicht wirklich human embryos, die sie geschaffen haben, sondern eben Chimären (und nichtmal das so wirklich, später mehr). Und außerdem, sie nehmen eine menschliche embryonale Stammzelle und bauen den Zellkern davon in eine Kuheizelle ein. Quasi einen Embryo zerstören um einen neuen zu erschaffen? Eigentlich völlig unsinnig, oder?
Die ganze Prozedur der Kerntransplantation ist im Prinzip recht einfach, sie wurde schon damals für Dolly angewendet. Aus einer Eizelle wird der Zellkern entfernt und durch das Erbgut einer anderen Zelle ersetzt, in dem Fall einer embryonalen Stammzelle (oder Hautzelle, oder wie auch immer). Wichtig ist dabei eigentlich nur, dass die Zelle, aus der das Material stammt, noch teilungsfähig ist. Eine “normale” Hautzelle kann das schon nicht mehr, somit müssen es entweder Fibroblasen gewesen sein oder Hautzellen aus einer Zellkultur, was meistens Krebszellen sind. Oder eben eine embryonale Stammzelle. Ihr seht, alles ein wenig verwirrend.
Oben hab ich ja schon erwähnt, dass es in meinen Augen eigentlich auch nicht wirklich eine Chimäre ist. Eine Chimäre besteht aus einer 50/50-Mischung von zwei Lebewesen. Allerdings ist es nicht möglich, eine Kuh und einen Menschen zu kreuzen, das ist sicherlich jedem klar. Man kann ja auch nicht Hund und Katze mischen. 99,9% der DNA der Zellen sollen menschlich sein und der Rest von der Kuh stammen, ist auch logisch, da der Zellkern der Eizelle ja entfernt wurde. Die restlichen 0,1% sind sogenannte extranucleare DNA, also freie DNA, die in der Zelle herumschwimmt, was sich nicht vermeiden lässt.
Auch der versprochene therapeutische Nutzen ist für mich zweifelhaft. Man wird damit eher weniger Krankheiten heilen können. Die Zelle ist immernoch eine Kuhzelle und besitzt somit die Oberflächenproteine einer Kuh, die vom menschlichen Körper als fremd erkannt werden. Es kommt zu Abstoßungsreaktionen. Außerdem, wenn man dafür eine humale embryonale Stammzelle geopfert hat, wäre es dann nicht sinnvoller lieber gleich damit zu arbeiten? Es ist eher für die Grundlagenforschung interessant um die Mechanismen der Zellteilung zu verstehen. Denn wenn man eine Kuheizelle mit menschlicher DNA zum teilen anregen kann, ist das ein deutlicher Hinweis darauf, dass die grundlegenden Funktionen gleich sind.

Solange es noch keine Publikation zu dem Thema gibt, bin ich weiterhin skeptisch, da die Berichterstattung eben sehr sonderbar ist. Auch, dass die Arbeitsgruppe quasi schon Ergebnisse präsentiert ohne eine Veröffentlichung dazu im Hintergrund, finde ich nicht so toll.
Abwarten und Teetrinken.

Nachtrag
Heute um 16:00 Uhr findet ein Chat zu Thema Stammzellen mit Vertretern der DFG statt.

Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 3. April 2008 um 12:46 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, ScienceBlog abgelegt. Folgende Tags wurden dabei verwendet , , , . Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

5 Reaktionen zu “QuickScience: Kuhle Zellen”

  1. juliaL49 sagt:

    Hm ja, die Meldungen habe ich auch gesehen, aber nicht weiter gelesen. Dass es in den allgemeinen Medien ein bisschen aufgebauscht wurde und zur Chimäre, ist nicht verwunderlich. Nur traurig.

    Dass es sich dabei um eine Fälschung oder um nichts Besonderes handeln könnte, auf die Idee bin ich gar nicht gekommen. Obwohl man da ja vorsichtig sein sollte, es gab ja öfter so komische Fälle.

    Dann warten wir mal das Paper ab :-)

  2. caesar sagt:

    Ich will auch nicht behaupten, dass es eine Fälschung sei, aber ein wenig seltsam ist es schon alles. Und eine kritischere Betrachtung des Ganzen kann sicherlich nicht schaden.

  3. Tony sagt:

    für was macht man sowas? hat doch keinen medizinischen zweck und denkt mal was dabei alles schief gehen kann…

  4. caesar sagt:

    Wie ich schon oben kurz geschrieben habe, halte ich den therapeutischen Nutzen auch für eher gering. Es sind Kuhzellen und bleiben Kuhzellen. Es würde zu Abstoßungsreaktionen kommen und ich denke nicht, dass man über diesen Ansatz z.B. Parkinson heilen kann, wie es in der Pressemeldung steht. Aber der Sinn für die Grundlagenforschung ist nicht zu unterschätzen.
    Wenn dabei etwas schief geht sterben die Zellen und gut ist. Man kann keine Monster züchten.

  5. smspuls sagt:

    therapeutischer nutzen gering? ich empfinde diesen nutzen gleichwertig mit 0.
    sowas ist einfach unfassbar…