Blogprojekt ScienceBlog: Embryonale Stammzellforschung
Nächste Woche müsste es eigentlich soweit sein Am 11. April 2008 ist es soweit: Der Bundestag will über die Verschiebung/Nicht-Verschiebung/Aufhebung/Beibehaltung des Stichtages für den Import von embryonalen Stammzellen entscheiden. Ich verfolge die Diskussion sehr aufmerksam, da die Entscheidung durchaus auch für meine Zukunft von Belang sein könnte. Ein bisschen sonderbar ist die Sachlichkeit, mit der die ganze Debatte abläuft. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass sich die größte deutsche Volkszeitung aus dem Thema raushält und auch die Aufmerksamkeit der Fernsehmedien andersweitig gefordert wird. Ich begrüße das sehr und eigentlich sollte man sich das zu jeder Diskussion wünschen. Dass das nicht der Fall, wissen leider alle, aber ich bin sehr froh, dass es bei diesem wichtigen Thema so ist.
Die momentane wissenschaftliche und gesetzliche Situation
Momentan ist die Situation für Forscher in Deutschland, die aktiv mit embryonalen Stammzellen arbeiten wollen, sehr kompliziert. Seit 2002 gilt das deutsche Stammzellgesetz, nach dem nur embyonale Stammzellen nach Deutschland eingeführt werden dürfen, welche vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden. Die Produktion embryonaler Stammzellen ist in Deutschland seit 1991 nach dem “Embryonen Schutzgesetz” verboten. Sogar Strafandrohnung ist vorgesehen. Schwieriger wird es für internationale Forschergruppen mit deutscher Beteiligung, die an Zelllinien arbeiten, die erst nach dem Stichtag eingeführt wurden. Auch hier droht dem deutschen Teil des Teams, solange es in Deutschland forscht, Strafe1, 3. Dass diese Situation für produktive wissenschaftliche Forschung untragbar ist, sollte jedem klar sein.
Weiterhin kommt hinzu, dass die Zelllinien von vor 2002 mittlerweile schon sehr alt sind und die Ansprüche heutiger Wissenschaft nicht mehr erfüllen. Diesen Satz hört man immer wieder, was man sich darunter vorstellen soll, wissen die meisten sicherlich nicht. Gemeint ist, dass die Methoden, mit denen die Zellen damals gewonnen wurden, nicht sehr schohnend für die Zellen waren, Beschädigungen also nicht auszuschließen sind. Außerdem liegen die embryonalten Stammzellen nun schon mehr als 6 Jahre tiefgefrohren vor, was ihnen auch nicht grade zuträglich ist2, 3. Ihre Kompetenz zur genetischen Manipulation und ihr Teilungsfährigkeit sind herabgesetzt, die Anfälligkeit für ungewünschte Mutationen und Senibilität gegenüber verschiedenen Wachstumsbedigungen ist hingegen erhört. Im Ganzen, also eigentlich für Forschung nicht mehr geeignet.
Insgesamt wurden seit 2002 nur 25 Anträge von deutschen Forschungsgruppen zum Import von embryonalen Stammzellen genehmigt1. Das Prozedere ist recht aufwändig und stellt ein weiteres Hindernis für die Wissenschaft dar. Der Antrag wird zuerst vom Robert-Koch-Institut geprüft und nach einer Stellungnahme vom nationalen Ethikrat wird darüber entschieden. Die Grundlagen sind in Deutschland damit die strengsten weltweit3.
Die Verschiebung des Stichtages
Im Grunde hat auch die Politik erkannt, dass die deutsche Forschung unter diesen Bedingungen nicht mehr zur internationalen Spitze gehören kann, wobei eher das Alter der Zelllinien im Vordergrund der Diskussion steht. An der Entscheidungsprozedur soll nichts geändert werden. In wie weit das wiederum sinnvoll ist, soll nicht Thema dieses Beitrags sein, damit haben sich andere Stellen zu befassen.
Am 3. März wurden deshalb Vertreter aus Wissenschaft, Theologie und Politik zu einer Debatte geladen2, 4, wie die Entscheidung des Bundestages aber letztendlich ausfallen wird, muss sich zeigen.
Im Prinzip stehen drei Möglichkeiten zur Wahl, wobei wissenschaftlich betrachtet nur eine wirklich sinnvoll ist, und das ist die Abschaffung des Stichtages. Um wirklich immer die neusten Zelllinien verwenden zu können, vom Fortschritt auf dem Gebiet profitieren zu können und im Besonderen auch die Kooperation in internationalen Projekten zu fördern, ohne dabei die Wissenschaftler mit Strafen zu bedrohen, muss die Stichtagregelung fallen. Unter den Menschen, die wirklich an der Materie arbeiten, besteht darin Einigkeit, und auch Verbände, wie die Multiple Sklerose Gesellschaft, stimmen darin überein3. Eine Möglichkeit, die meiner Meinung nach momentan von allen Seiten als Kompromiss vertreten wird und daher vermutlich auch so angenommen wird, ist die Verschiebung des Stichtages auf ein recht nahe liegendes Datum. Der 1. Janur 2007 steht dabei zur Diskussion. Sicherlich ist das keine vollständige Lösung des Problems, sondern nur eine Verschiebung auf eine spätere Generation an Entscheidungsträgern, allerdings kann auch die Wissenschaft in naher Zukunft erstmal damit leben. In ein paar Jahren stellt sich die Frage dann jedoch wieder, da man vor dem gleichen Problem wie jetzt steht. Die Forschung hat sich international weiterentwickelt, aber die deutschen Arbeitsgruppen können daran nicht Teilhaben, da die gesetzlichen Restriktionen das verhindern. Ein absolutes worst case Szenario wäre allerdings die Beibehaltung der jetzigen Regelung, denn dann wäre die gesamte Diskussion völlig unsinnig gewesen. Nur völlig unwissende Vertreter der Gesellschaft werden so stimmen und damit ganz sicher nicht im Interesse der Wissenschaft und irgendwie auch der Gesellschaft handeln, denn die Wissenschaft ist der Teil der Gesellschaft, die den Fortschritt mit zu verantworten hat.
Embryonale Stammzellen vs. Adulte Stammzellen
Von einigen Sachverständigen wird momentan die Forschung an adulten Stammzellen als Alternative zur Arbeit mit embryonalen Stammzellen dargestellt.
Der Unterschied zwischen adulten und embryonalen Stammzellen besteht hauptsächlich in ihrer Potenz. Adulte Stammzellen sind schon in eine bestimmte Richtung entwickelt, sind jedoch noch nicht aktiv und bedürfen weiterer Differenzierung. Außerdem sind sie schwer zu gewinnen und nur in recht geringer Zahl im Körper vorhanden. Diese wirkliche Omnipotenz, sind in jede gewünschte Richtung entwicklen zu können, weisen also nur embryonale Stammzellen auf. Ein Ziel der embyonalen Stammzellforschung ist es deshalb auch die Mechanismen der Entwicklung und besonders ihre Steuerung zu erforschen. Mögliche Anwendungen werden in der Therapie schwerer Erbkankheiten gesehen, aber auch z.B. in der Korrektur von Herzfehlern (um ein konkretes Beispiel zu nennen). Im Moment werden dazu entweder künstliche Herzklappen eingesetzt, oder gar welche vom Schwein. Besteht die Möglichkeit aus embryonalen Stammzellen Herzklappengewebe zu entwickeln, sind spätere gesundheitliche Folgen, wie Abstoßung, hoffentlich kontrollierbar. Bis dahin ist es auf jeden Fall noch ein weiter Weg und die Forschung an embryonalen Stammzellen ist unverzichtbar.
Auch die Möglichkeit, Haut- und Bindegewebszellen wieder zu einer Form adulter Stammzellen zurück zu entwickeln, wird diskutiert. Im November letztes Jahres wurde diese Methode von zwei Arbeitsgruppen5, 6 vorgestellt, denen es unabhängig von einander gelungen war Hautzellen bzw. Fibroblasten so neu zu programmieren, dass sie ähnliche Eigenschaften wie embryonale Stammzellen aufweisen (induced pluripotent stem (iPS) cells). Somit könnte man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, indem man weder embryonale Stammzellen mehr benötigt, noch die schwer zu gewinnenden adulten, so zumindest die Vorstellung. Dieser Erfolg ist ohne Zweifel großartig, wäre jedoch ohne die vorhergegangene Forschung an embryonalen Stammzellen nicht möglich gewesen. Außerdem stellt sich hier das Problem, das die Reprogrammierung über das Ausschalten einiger Gene verwirklicht wurde5, die iPS-Zellen also nur pseudo-embryonale Stammzellen darstellen. Welche Auswirkung die ausgeschalteten Gene letztendlich auf die Zellen haben werden ist noch nicht wirklich klar. Außerdem ist die Anwendung noch nicht untersucht und die Technik steht gerade erst am Anfang. Sich nun schon darauf zu verlassen wäre leichtsinnig und stellt momentan noch keine Alternative, sondern eher eine neue Herausforderung für die Wissenschaft dar.
Somit muss die Forschung in allen Richtungen weitervoran getrieben werden und die drei Ansätze (embyonale Stammzellen, adulte Stammzellen und IPS cells) müssen parallel verfolgt werden. Fortschritte in einem Gebiet werden dabei auch den anderen Zweigen weiterhelfen können und grade die embryonale Stammzellforschung bildet dabei einen wichtigen Grundstein, da, wie erwähnt, nur hier die Möglichkeit gegeben ist die komplette Entwicklung einer Zelle zeitlich und mechanistisch zu verfolgen und zu verstehen.
So, und nun ist wieder eure Meinung gefragt. Diesmal nicht nur zum Stil meines Beitrags, sondern im Besonderen auch zum Thema an sich. Niemand sollte einfach sagen, “das geht mich nichts an, davon hab ich eh keine Ahnung”, für jeden können die Fortschritte in der Stammzellforschung in Zukunft wichtig werden.
Quellen:
- http://www.bundestag.de/dasparlament/2008/08/Titelseite/19610001.html
- http://www.bundestag.de/aktuell/archiv/2008/19706134_kw10_stammzellen/index.html
- http://www.bundestag.de/ausschuesse/a18/anhoerungen/stammzellgesetz/stellungnahme_schoeler.pdf
- http://www.scienceblogs.de/weitergen/2008/03/stammzellen-die-debatte-geht-weiter.php
- Takahashi et al., Induction of Pluripotent Stem Cells from Adult Human Fibroblasts by Defined Factors, Cell (2007), doi:10.1016/j.cell.2007.11.019 (full free text)
- Yu et al., Induced Pluripotent Stem Cell Lines Derived from Human Somatic Cells, Science (2007), Vol. 318. no. 5858, pp. 1917 - 1920 (free abstract)
Ja, viel kann ich nicht sagen
Ich bin ziemlich deiner Meinung und da du weit mehr Recherche betrieben hast, kann ich auch nichts hinzufügen. Vielleicht noch einen Linktipp. JLT von Evil under the sun hat sich auch sehr ausführlich mit dem Thema Stammzellen beschäftigt und mit genug Zeit zum Lesen sehr empfehlenswert:
http://evilunderthesun.blogspot.com/search/label/Medizin
PS: doch was zum Beitrag: sehr gut! genau die richtige Länge, Thema ausführlich und doch knapp genug behandelt!
Vielen Dank für den Link, die Artikel sind wirklich gut. Sie beschäftigt sich zwar mehr mit der ethischen Seite der Diskussion, während ich meinen Fokus auf die Wissenschaft legen wollte, aber als Ergänzung zu meinem Artikel, ist das quasi perfekt geeignet. Ich werde dort mal noc ein bisschen mehr stöbern.
Es ist sehr schwer in der Blogosphäre was zu diesem Thema zu finden und den einzigen Blog, den ich gefunden habe, den Weiter-Gen-Blog (der auch bei Evil under the Sun erwähnt ist), ist dazu auch sehr lesenswert.